Der Kern der Sache
Vier Gedankengänge, die zusammen erklären, warum Fondsprodukte so aussehen, wie sie aussehen, und warum ein hübscher Chart über die Vergangenheit wenig über die Zukunft sagt.
Ein ETF ist kein Rätsel
Ein Exchange Traded Fund, kurz ETF, ist im Kern eine Sammelbox. Er hält viele Wertpapiere gleichzeitig, in einem Verhältnis, das einem definierten Index folgt, etwa dem eines Aktienmarktes oder einem Anleihesegment. Kauft man einen Anteil, kauft man wirtschaftlich einen sehr kleinen Anteil an allen enthaltenen Titeln gleichzeitig.
Die Nachbildung des Index kann auf zwei Wegen erfolgen. Bei der physischen Replikation hält der Fonds tatsächlich die zugrunde liegenden Wertpapiere, teils vollständig, teils über ein Sampling-Verfahren bei sehr breiten Indizes. Bei der synthetischen Replikation vereinbart der Fonds mit einer Gegenpartei einen Tausch, der die Indexrendite abbildet, ohne die Titel selbst zu halten. Beide Wege haben unterschiedliche Risiken, etwa das Gegenparteirisiko bei synthetischer Nachbildung, das jedoch durch Besicherung typischerweise begrenzt wird.
Wichtig ist: Ein ETF ist ein Werkzeug zur Indexabbildung, kein Werturteil über die enthaltenen Unternehmen. Er trifft keine Auswahlentscheidung, sondern folgt einem vorab definierten Regelwerk.
„Ein Index ist ein Regelwerk. Ein ETF ist ein Werkzeug, das diesem Regelwerk folgt.“
Warum es nicht den einen Fonds gibt
Die schiere Zahl an Fonds wirkt auf den ersten Blick unübersichtlich. Sie erklärt sich jedoch aus wenigen Unterscheidungsmerkmalen, die sich kombinieren lassen. Zunächst die Anlageklasse: Aktien, Anleihen, Immobilienwerte, Rohstoffe oder Mischformen. Dann die Region oder Branche, auf die sich ein Fonds konzentriert.
Hinzu kommt der Managementstil. Aktiv verwaltete Fonds versuchen, durch Auswahl und Timing eine bessere Wertentwicklung als ein Vergleichsmaßstab zu erzielen, was höhere Kosten und keine Erfolgsgarantie mit sich bringt. Passive Fonds verzichten auf diese Auswahl und bilden stattdessen einen Index nach.
Weitere Unterscheidungen betreffen die Ausschüttungspolitik, also ob Erträge ausgezahlt oder wieder angelegt werden, sowie das rechtliche Domizil des Fonds, das steuerliche Konsequenzen haben kann. Multipliziert man diese Merkmale, ergibt sich zwangsläufig eine große Zahl an Varianten, auch wenn viele davon wirtschaftlich ähnliche Ziele verfolgen.
Rendite nach Kosten und Steuern
Die auf der Verpackung genannte Wertentwicklung ist ein Ausgangspunkt, nicht das Endergebnis. Zunächst zieht die laufende Kostenquote, die Total Expense Ratio, jährliche Verwaltungs- und Betriebskosten ab. Sie ist im Produktinformationsblatt ausgewiesen, erfasst aber nicht alle Kosten vollständig, etwa nicht immer Transaktionskosten innerhalb des Fonds.
Die Differenz zwischen der Wertentwicklung des Index und der tatsächlichen Wertentwicklung des Fonds nennt man Tracking Difference. Sie kann größer sein als die ausgewiesene Kostenquote allein vermuten lässt.
Steuerlich kommen in Deutschland weitere Mechanismen hinzu: die Vorabpauschale als vorwegnehmende Besteuerung thesaurierender Fonds, die Kapitalertragsteuer samt Solidaritätszuschlag und gegebenenfalls Kirchensteuer beim tatsächlichen Verkauf oder bei Ausschüttung, sowie die Teilfreistellung, die je nach Fondstyp einen Anteil der Erträge von der Steuer ausnimmt. Erst nach all diesen Schritten entsteht das, was tatsächlich beim Anleger ankommt.
„Bruttorendite ist eine Momentaufnahme. Nettorendite ist das, was tatsächlich zählt.“
Der Blick zurück ist kein Blick nach vorn
Charts, die die Wertentwicklung der vergangenen fünf Jahre zeigen, gehören zu den am häufigsten genutzten Darstellungen in der Fondswerbung. Sie sind auch eine der irreführendsten, wenn man sie als Prognose liest. Mehrere Effekte verstärken diese Verzerrung.
Survivorship-Bias bedeutet, dass schwach performende Fonds häufiger geschlossen, verschmolzen oder umbenannt werden. In Vergleichen tauchen dann überproportional die Fonds auf, die eine bestimmte Marktphase gut überstanden haben, nicht ein repräsentativer Querschnitt aller ursprünglich gestarteten Produkte.
Die Reihenfolge der jährlichen Renditen, das sogenannte Sequence-of-Returns-Risiko, beeinflusst das Endergebnis stärker, als es der Durchschnittswert vermuten lässt. Zwei Zeiträume mit identischer durchschnittlicher Rendite können zu deutlich unterschiedlichen Endvermögen führen, abhängig davon, wann die guten und schlechten Jahre auftraten.
Schließlich ist ein Fünfjahreszeitraum statistisch kurz. Konjunkturzyklen, Zinsphasen und geopolitische Ereignisse überlappen sich unregelmäßig. Ein einzelner Ausschnitt kann von Sondereffekten geprägt sein, die sich nicht wiederholen müssen. Deshalb weisen Produktinformationsblätter regelmäßig darauf hin, dass die frühere Wertentwicklung kein verlässlicher Indikator für die künftige Wertentwicklung ist. Dieser Hinweis ist keine Formalie, sondern eine inhaltlich begründete Warnung.
Was dieser Text nicht ist
Dieser Beitrag beschreibt Mechanik, keine Handlungsempfehlung. Er nennt keine konkreten Produkte, Anbieter oder Kaufsignale. Für die eigene finanzielle Situation, insbesondere für steuerliche Details, bleibt eine individuelle, zugelassene Beratung der richtige Ansprechpartner. Wer nach dieser Lektüre offene Fragen zum Kursaufbau hat, kann diese unverbindlich stellen.
Unverbindlich anfragen